Erinnerst Du Dich noch an die Wal-Rettung von Timmy?
Rettungsversuche. Behörden. X-Experten. Private Helfer. Politiker. Medien. Jeder wollte helfen, jeder hatte eine Meinung und jeder hielt seine Lösung für die richtige. Am Ende schaffte es der Wal tatsächlich zurück ins offene Meer.
Mission erfüllt?
Leider nein. Wenige Tage später war er tot.
Und genau daran musste ich bei einem aktuellen Online-Shop-Projekt denken.
Wer arbeitet hier eigentlich für wen?
Eine Agentur hat mich für ein Kundenprojekt beauftragt. Diese Agentur arbeitet wiederum mit externen Entwicklern zusammen. Der Kunde hat parallel noch eine andere Agentur im Projekt. Und zwischendurch bastelt er selbst ein wenig mit AI am Online-Shop herum.
Was soll da schon schiefgehen? 😁
Der eine Entwickler baut eine Funktion ein. Der nächste versteht nicht genau, warum sie so gebaut wurde, weil er kein sauberes Briefing bekommen hat. Die andere Agentur macht noch ein paar A/B-Tests am Layout. Und der Kunde? Der hat mit ChatGPT noch ein paar Anpassungen gemacht. Nur "ein paar Kleinigkeiten“, meint er.
OMG!
Das Problem sind nicht zwingend die einzelnen Leute. Da können durchaus gute Entwickler, Agenturen und Spezialisten dabei sein. Das Problem entsteht, wenn jeder an seinem kleinen Teil herumarbeitet, aber niemand das Gesamtbild sauber im Blick hat. Jede einzelne Änderung kann für sich sogar sinnvoll sein. Zusammen entsteht trotzdem Chaos.
Die neue App löst ein Problem, macht den Online-Shop aber langsamer. Das neue Script funktioniert, verhindert aber später ein sauberes Theme-Update. Das schönere Layout sieht moderner aus, versaut aber plötzlich das Tracking, weil vergessen wurde, bestimmte Events oder Elemente anzupassen.
Und dann sitzt man da. Der Online-Shop läuft irgendwie. Aber niemand weiß mehr genau, warum...
AI kann helfen? Ja. Oder alles noch schlimmer machen.
Ich arbeite selbst täglich mit AI und Coding-Agenten. Die Tools sind großartig. Aber nur, wenn man weiß, was man tut. Nur weil ChatGPT Dir Code schreibt, heißt das noch lange nicht, dass dieser Code so in Deinen Online-Shop gehört.
AI löst die Aufgabe, die Du ihr gibst. Sie kennt aber nicht automatisch alle früheren Anpassungen, Apps, Schnittstellen, Abhängigkeiten, technischen Entscheidungen und Workarounds, die in Deinem System schon herumliegen. Das Script kann funktionieren und trotzdem die nächste Zeitbombe einbauen. Fünf Minuten Arbeit gespart. Zwei Tage Fehlersuche vorbereitet.
Besonders gefährlich wird es, wenn der Kunde plötzlich glaubt, er sei jetzt selbst Entwickler, weil ChatGPT einen Codeblock ausgespuckt hat. AI ist ein Werkzeug. Kein Freifahrtschein, um ohne Plan am produktiven Online-Shop herumzuschrauben.
Mehr Agenturen bedeuten nicht automatisch mehr Kompetenz
Viele Kunden glauben, sie reduzieren das Risiko, wenn sie mehrere Agenturen und Spezialisten gleichzeitig einsetzen. In der Realität passiert häufig das Gegenteil. Die Verantwortlichkeiten werden unklar. Änderungen werden nicht dokumentiert. Einer überschreibt die Arbeit des anderen. Und wenn etwas kaputtgeht, zeigen alle aufeinander.
Die Ads-Agentur sagt: "Das liegt am Online-Shop!"
Der Entwickler sagt: "Das kam von der anderen Agentur!"
Die andere Agentur sagt: "Das Script war vorher schon drin!"
Und der Kunde selbst? "Ich habe eigentlich nur schnell mit AI etwas angepasst!"
Perfekt. Alle waren beteiligt. Aber niemand war verantwortlich.
🚨 Wenn an einem Online-Shop mehrere Leute arbeiten, dann ist Git keine nette Option, sondern Pflicht.
Du musst nachvollziehen können, wer was geändert hat, wann es geändert wurde, warum es geändert wurde und wie sich ein alter Stand wiederherstellen lässt. Git löst nicht jedes Problem, aber es hilft enorm, Verantwortlichkeiten sichtbar zu machen und Fehler sauber zurückzurollen. Ohne Versionierung arbeitest Du im Blindflug.
Wie machst Du es besser?
Ein Online-Shop braucht nicht unbedingt nur einen einzigen Dienstleister. Für Ads, SEO, Design, Tracking und Entwicklung können unterschiedliche Spezialisten sogar sehr sinnvoll sein. Aber das Ganze darf nicht im Freestyle laufen.
Idealfall: Der Kunde kennt seinen Online-Shop, seine Technik und seine Ziele gut genug, um alle Beteiligten sauber zu koordinieren. Oder es gibt eine Hauptagentur beziehungsweise einen technischen Projektleiter, der den Überblick behält, Änderungen prüft und die Arbeit der anderen Dienstleister abstimmt.
Eine Ads-Agentur kann parallel Ads schalten. Ein SEO-Spezialist kann Inhalte und Technik optimieren. Ein Entwickler kann Funktionen bauen. Aber nicht jeder sollte gleichzeitig im Theme, Tracking, Checkout, Code und den Apps herumbasteln.
Das ist keine Zusammenarbeit. Das ist digitales Jenga.
Mein Fazit
Die Wal-Rettung hat mich nicht wegen des Wals an dieses Projekt erinnert, sondern wegen der Mechanik dahinter. Viele Beteiligte. Viele Meinungen. Viele Rettungsversuche. Alle wollen helfen. Jeder macht etwas. Und am Ende sieht es kurzfristig so aus, als hätte es funktioniert. Bis das Projekt wieder strandet.
Mein Tipp: Arbeite mit Spezialisten, aber lass nicht fünf Agenturen, mehrere Entwickler und den Kunden gleichzeitig unkoordiniert am selben Online-Shop herumschrauben. Eine saubere Lösung ist besser als fünf schnelle Fixes. Und eine gute Zusammenarbeit ist besser als zehn Köche, die alle ihr eigenes Rezept durchsetzen wollen.
Denn nur weil Dein Online-Shop wieder schwimmt, heißt das noch lange nicht, dass er gerettet ist.
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