Das Leben schreibt immer noch die besten Geschichten, auch für die Website hier.
Wir machen ziemlich viele Speed-Optimierungen für Online-Shops und haben davon über die Jahre schon unzählige umgesetzt. Und dabei gibt es immer wieder einen wiederkehrenden Streitpunkt:
Diese verdammte Wishlist-App!
Viele Online-Shop-Betreiber lieben diese Funktion. Keine Ahnung, warum. Vermutlich irgendwo sonst gesehen und für toll befunden... 😁
Worum geht’s?
- Wunschliste: 665 Nutzer speicherten in sieben Monaten rund 7.000 Produkte; 156 Bestellungen hatten später einen Bezug zur Wunschliste. Hochgerechnet ergibt das 27.257 Euro zugerechneten Umsatz.
- Performance-Kosten: Die App verursacht pro Seite 36 bis 38 zusätzliche Requests und etwa 311 bis 322 KB Extra-Daten. In Messungen beansprucht sie rund 1,9 bis 3,3 Sekunden Main-Thread-Zeit.
- Umsatzwirkung: Zugerechneter Umsatz ist nicht automatisch zusätzlicher Umsatz. Die Verzögerung kann die Kaufrate je nach Annahme um etwa 1 bis 3,5 Prozent senken.
- Unterm Strich: Bei 6,25 Mio. Euro Jahresumsatz kippt die Rechnung klar ins Minus. Selbst im vorsichtigsten Modell entsteht ein Verlust von 11.292 Euro pro Jahr.
- Schlankere Lösung: Sinnvoll ist die Funktion, nicht die schwere App. Ein einfaches Merkzettel-Herz im Theme vermeidet unnötige Last und spart Performance für alle Besucher.
Wenn ich dann sage, dass wir sie entfernen oder zumindest technisch anders lösen sollten, kommt regelmäßig:
Unsere Kunden nutzen die Wunschliste. Die brauchen wir!
Oder noch besser:
Die Wunschliste bringt uns brutal Umsatz!
Das Problem?
Sie schauen sich die Zahlen gar nicht an oder falsch! Denn die Wunschliste wird nach unserer Erfahrung VIEL weniger genutzt, als der Betreiber glaubt.
Aber. Irgendwie ist das eine Diskussion wie Apple vs. Android. Also, schauen wir uns IMMER die Zahlen an.
Und das haben wir auch bei diesem Online-Shop gemacht. Und unsere Empfehlung war:
Weg damit!
Der Kunde:
Die Wunschliste bringt uns Umsatz. Die können wir nicht entfernen!
Wirklich? Also haben wir gerechnet...
Die App "macht" nach Statistiken 27.000 Euro+
In sieben Monaten nutzten 665 Nutzer die Wunschliste. Rund 7.000 Produkte wurden gespeichert und 156 Bestellungen hatten später einen Wunschlisten-Bezug.
Das sind 15.900 Euro zugerechneter Umsatz. Das ist auf zwölf Monate hochgerechnet:
27.257 Euro zugerechneter Umsatz.
Bei 59,90 Euro App-Kosten pro Monat sieht das zuerst toll aus. 719 Euro bezahlen. 27.257 Euro Umsatz bekommen!
Wer würde die App da löschen?
Ich. JA! 😁
Denn jetzt kommt die andere Hälfte der Rechnung.
Zugerechneter Umsatz ist nicht zusätzlicher Umsatz!
Nur weil jemand ein Produkt auf die Wunschliste legt und später bestellt, bedeutet das nicht, dass er wegen der Wunschliste gekauft hat.
Vielleicht wäre er ohnehin zurückgekommen. Vielleicht hatte er die Produktseite noch offen. Vielleicht kam er später über Google oder direkt wieder in den Online-Shop.
Die App weiß nur: Wunschliste benutzt. Später bestellt.
Sie weiß nicht, ob der Kauf ohne Wunschliste ausgefallen wäre. Das ist Attribution und kein Beweis für zusätzlichen Umsatz.
Die Wunschliste nutzen einige. Die App-Bremse bekommen alle...
Ein langsamer Online-Shop ist ein Conversion-Killer!
➡️ Hat Dein Online-Shop lange Ladezeiten? Dann kannst Du ihn auch gleich schließen!
Jetzt kommt Speed-Messung 🙂
Achtung, es wird ein wenig technisch!
Die App verursacht auf praktisch jeder Seite 36 bis 38 zusätzliche Requests und lädt ungefähr 311 bis 322 KB zusätzliche Daten.
Je nach Seitentyp beansprucht die Wunschlisten-App in unseren Messungen rund 1,9 bis 3,3 Sekunden Lighthouse-Main-Thread-Zeit beziehungsweise etwa 5 bis 10 Prozent der gesamten Main-Thread-Zeit*
Für unsere Modellrechnung verwenden wir deshalb Werte zwischen 2 und 4,4 Prozent Conversion-Verlust pro zusätzliche Ladesekunde.
Und diese Verzögerung trifft nicht nur die 665 Wunschlisten-Nutzer...
Sie trifft jeden Besucher!
Auch den Kunden, der nie auf das Herz klickt. Auch alle Besucher, welche mit teuren Ads akquiriert worden sind, und auch der Käufer, der direkt bestellen möchte.
🚨 Wenige nutzen die Funktion. Alle bezahlen dafür mit Performance!
Und genau hier kippt die Rechnung.
Was kostet uns diese Verzögerung?
Jetzt kommt bewusst keine Behauptung wie:
0,7 Sekunden kosten exakt X Euro.
Das wäre unseriös. Wir haben deshalb eine Modellrechnung gemacht und bewusst konservative Werte verwendet.
Untersuchungen zeigen sehr deutlich, dass zusätzliche Ladezeit Conversion und Umsatz beeinflusst. Die Ergebnisse unterscheiden sich je nach Untersuchung deutlich. Für unsere Modellrechnung verwenden wir deshalb Werte zwischen 2 und 4,4 Prozent.
Bei einer geschätzten App-Verzögerung von 0,5 bis 0,8 Sekunden ergibt das je nach Annahme ungefähr 1 bis 3,5 Prozent relative Einbuße bei der Kaufrate.
Und jetzt wird es interessant.
Im besten Fall bringt die App 7.458 Euro
Rechnen wir maximal zugunsten der App.
Die kompletten 27.257 Euro wären echter zusätzlicher Umsatz.
Bei angenommenen 30 Prozent Deckungsbeitrag bleiben ungefähr 8.177 Euro.
Davon ziehen wir die 719‑Euro-Jahresgebühr ab.
Bleiben:
7.458 Euro wirtschaftlicher Nutzen / Gewinn pro Jahr...
Das ist bereits eine extrem freundliche Rechnung für die App. Denn sie unterstellt, dass jede dieser Bestellungen ohne die Wunschliste nicht zustande gekommen wäre.
Jetzt kommt die rote Seite.
Bei 6,25 Mio. Euro Gesamtumsatz/Jahr macht die App in jeder Modellrechnung Minus!
Der geschätzte Jahresumsatz des Online-Shops liegt bei rund 6,25 Millionen Euro. Selbst mit unserer vorsichtigsten Annahme von nur 0,5 Sekunden zusätzlicher Verzögerung und rund 1 Prozent relativer Einbuße bei der Kaufrate ergibt sich ein geschätzter Umsatzverlust von etwa 62.500 Euro.
Bei 30 Prozent Deckungsbeitrag sind das:
18.750 Euro Verlust.
Davon ziehen wir den maximalen Nutzen der App von 7.458 Euro ab.
Unterm Strich:
-11.292 Euro pro Jahr.
Und das ist unser vorsichtigstes Modell.
Bei der mittleren Annahme (rund 0,65 Sekunden Verzögerung und etwa 2,1 Prozent Einbuße) landen wir bei rund -31.917 Euro. Bei der schärferen Annahme (0,8 Sekunden und 3,5 Prozent Einbuße) bei ungefähr -58.542 Euro.
Wichtig: Das ist eine Modellrechnung, kein gemessener A/B-Test. Aber sie zeigt ziemlich deutlich, warum die Aussage
Die App bringt doch 27.000 Euro Umsatz!
viel zu kurz greift.
Die Wunschliste kann bleiben. Die schwere App sollte nicht...
Das Problem ist nämlich nicht die Wunschliste. Die kann sinnvoll sein. Denn die Bestellungen auf der Wunschliste haben hier sogar einen überdurchschnittlich hohen Bestellwert.
Das Problem ist die technische Umsetzung.
Der Online-Shop Besucher braucht hauptsächlich ein Herz am Produkt, einen einfachen Merkzettel, die Speicherung der Produkte und die Möglichkeit, diese später wiederzufinden.
Das kann man wesentlich schlanker direkt im Theme lösen.
Ohne 36 bis 38 zusätzliche Requests auf jeder Seite. Ohne mehr als 300 KB zusätzlichen Ballast. Und ohne eine umfangreiche App, deren Zusatzfunktionen praktisch niemand nutzt.
Wie schnell lädt Dein Online-Shop?
Und was sind Deine Bremsen?
Apps? Tracking? Bilder? Theme? Externe Scripts?
Genau dafür haben wir unseren kostenlosen Speed Audit gebaut.
Er zeigt Dir nicht einfach irgendeinen hübschen PageSpeed-Score, sondern hilft Dir herauszufinden, was Deinen Online-Shop tatsächlich ausbremst.
Wie schnell lädt Dein Online-Shop? Was sind Deine Bremsen? Finde es kostenlos heraus:
➡️ https://speedaudit.prodevcon.ch
Das Fazit
Dieser Fall zeigt ziemlich gut, warum man Apps nicht isoliert betrachten darf.
Das Dashboard sagt:
27.257 Euro Umsatz
Unsere Analyse sagt etwas ganz anderes. Darum sollte die Frage NIE lauten:
Wie viel Umsatz zeigt mir die App?
Sondern:
Was bringt mir diese Funktion unter dem Strich, nachdem ich ihre Kosten für den gesamten Online-Shop berücksichtigt habe?
Genau darum geht es bei CRO. Nicht die App muss gewinnen. Der gesamte Online-Shop muss gewinnen!
Weitere passende Artikel:
- Wie schnell ist Dein Online-Shop wirklich? Was kannst Du besser machen?
- Hat Dein Online-Shop lange Ladezeiten? Dann kannst Du ihn auch gleich schließen!
- Shopify: Warnung. Hast Du eine Shopify Speed-Optimierung bei Fiverr gekauft?
- Shopify: Die empfohlenen & optimalen Bildergrößen für Slider, Produktfotos & Co.
* Die Main-Thread-Zeit lässt sich nicht 1:1 in zusätzliche Ladezeit übersetzen. Für unsere folgende Modellrechnung setzen wir deshalb nur eine Performance-Verzögerung von 0,5 bis 0,8 Sekunden als Annahme an.
